Von Fratzen, Hexen und einem sagenhaften Fluch

NDR dreht in Greifswalder Marienkirche imposanten Kurz-Film über eine mittelalterliche Wandmalerei
„Und... bitte!“, ruft Regisseurein und Drehbuchautorin Rebekka Bahr leise. Daraufhin schlägt der lüsterne Mönch der mittelalterlichen Jungfer Rosalia das mitgebrachte Fläschchen mit Kräutertinktur aus der Hand, grapscht ungeniert nach ihr, beginnt sie mit eindeutigen Gesten zu bedrängen. „Nein, lasst mich...!“, greint Rosalia. – „Kommt doch, ihr wollt es doch auch...“ – „Ich bitte Euch, lasst los... Aua!“ Aus der Grappscherei ist längst ein Handgemenge geworden. Doch Rosalia kann den lüsternen Mönch abwehren, dieser taumelt zurück. Zornig zeigt er drohend mit dem Zeigefinger auf sein Opfer, bevor er das Weite sucht...
 
Zwei Tage lang drehte ein NDR-Team unter Leitung von Rebekka Bahr in der Greifswalder Marienkirche eine Geschichtsdokumentation mit szenischen Darstellungen nach der Romanvorlage: „Die Fratze von St. Marien“ von Hans-Jürgen Schumacher. Der Aufwand für den Kurzfilm, der später u.a. im „Nordmagazin“, „Land und Leute“ usw. gezeigt werden soll, ist beträchtlich. Schauspieler in historischen Kostümen, Requisiten, modernste Kameratechnik, Spezialbeleuchtung, Lichtfilter, eine Drohne und viele andere technischen Utensilien sind nötig, um filmtechnisch nicht nur das klassische Hochmittelalter einzufangen, sondern auch um detailgetreu, stimmungsvoll und dabei auch noch bildungsintensiv einen Film über ein Stück Greifswalder Frühgeschichte anzufertigen. Die Filmidee stammt von der NDR-Regisseurin selbst. Sie fand gefallen an der phantasievoll ausgeschmückten Story rund um die mittelalterliche Wandmalerei im Ostgiebel der Marienkirche, die den Autor H.J. Schumacher zu einer Greifswalder „Gesellschaftsanalyse im Abenteuerkleid“ anregte.
 
Urgeist dieser Geschichte war Mariens Pastorin, Dr. Ulrike Schäfer-Streckenbach, die 2012 auf dem Greifswalder Ostermarkt dem Autor an seinem Buchstand jenen Tipp gab, der ihn dann zur Recherche über Greifswalder Lebensverhältnisse Anfang des 14. Jahrhunderts anregte.
Der Kameramann hat das Licht neu ausgerichtet. „So, noch einmal die Szene der Fläschchenübergabe im Detail... und bitte...!“ Rebekka Bar ist wieder in ihrem Element, gibt Drehanweisungen an die Schauspieler, blickt mit durch das Zoom des Kameramannes, um sich besser ein Bild von der gedrehten Szene machen zu können. Wenig später wird die gruselig geschminkte Fratze dem Prior geradezu auf den Pelz rücken. Verzweifelt betet dieser vor einem mit entzündeten Kerzen geheimnisvoll erleuchteten Altar das lateinische Schuldbekenntnis, derweil die Fratze an der Wand ihr eigenes Unwesen treibt. Und sie wartet an der Treppe bereits auf ihr Opfer....
Rebekka Bahr hat im Auftrag des NDR hat einen guten, lehrreichen und unterhaltsamen Kurzfilm gemacht. Irgendwie meinte man als Zuschauer dem Dreh eines Trailers für einen abendfüllenden mittelalterlichen Action-Thriller beigewohnt zu haben. Literarischer Stoff und Dramaturgie für ein gelungenes Drehbuch wären in der Romanvorlage genügend vorhanden.
 

Filmvorlage:
„Die Fratze von St. Marien“ von H.J. Schumacher
Herausgeber: M/V-Verlag & Marketing, Am Koppelberg 10, 17489 Greifswald, Tel. 03834 / 830 300, farb. Umschlag, Format A5, 235 Seiten, 14.90 €, ISBN 978-3-946096-01-6
erhältlich im Verlag sowie im Buchhandel