Grenzüberschreitungen –Poetik des Unfertigen

Sogar der Raum einer Nussschale kann uns wichtig werden, wenn wir selbst Fülle des Daseins mitbringen.“ (Novalis)

Auch wenn es anders angekündigt ist, eine Laudatio ist diese Rede nicht. Wenn überhaupt, dann nur als Auftakt aller Gespräche, die wir hier noch miteinander führen werden. Denn dies alles zusammen ist die angemessene Form einer Laudatio auf Emina: als Gemeinschaftswerk. Ich mache hier nur den Auftakt, indem ich einige Akzente setzen werde zum Politischen und Poetischen.

Emina kam vor 50 Jahren hierhin nach Hamburg, nach Deutschland, aus einem Staat, Jugoslawien, den es nicht mehr gibt. Von vielen Jugoslawinnen und Jugoslawen, die damals nach Deutschland kamen, hieß es oft, sie trügen ihre Heimat – egal ob Kroatien oder Serbien oder Bosnien – im Herzen und Jugoslawien im Kopf mit sich. Oder anders formuliert, Jugoslawien war wie ein äußerer Halt, ein Rahmen, und dieser zerbrach fürchterlich in den 1990er Jahren – in einem brutalen Krieg und Bürgerkrieg, gerade in Eminas Heimat Bosnien. Durch die Zeit dieser kriegerischen Konfrontationen, blutigen Spaltungen, und auch danach, durch Trümmer hindurch, hat sie das immer wieder geschaffen: Verbindungen, Beziehungen zwischen den Menschen, hier und dort.

Dabei hat sie oft betont, wie gern sie hier in Deutschland lebt. Aber vor etwas mehr als zwei Jahren – das war kurz nach den Anschlägen in Paris – bekannte sie in einem Interview, dass sie anfange, sich in Deutschland „fremder“ zu fühlen. Was war der Grund? Sie musste sich, wie viele andere muslimische Menschen, gegen einen Distanzierungsdruck wehren. Fraglos war sie solidarisch mit den Opfern von Paris, aber warum wurde auf sie, die nie anders als in der Vielfalt für die Vielfalt im Zusammenleben gewirkt hatte, jetzt auf einmal dieser Druck ausgeübt?

Wir dürfen es diesem Land nicht durchgehen lassen, dass eine Frau wie Emina sich hier „fremd“ fühlt. Wir müssen uns denen entgegenstellen, die dazu fortlaufend beitragen. Ein jüngstes Beispiel dafür bietet der Innenminister de Maizière, der in der Bild am Sonntag unter 10 Punkten die Essentials einer „Leitkultur“ der Deutschen vorgelegt (oder – vorgeschrieben?) hat. In so gut wie allem ist das eine Kampfansage gegen das, wofür Menschen wie Emina sich ihr Leben lang – und gerade hier in Deutschland – eingesetzt haben. Dieser Einsatz steht gegen diese verordnete „Leitkultur“ und er ist dieser um vieles voraus. Darüber will ich hier sprechen.

 

Gesetz der Grenze – Grenze der Gesetze

Worum es geht – das sind Grenzen, und wie sie gezogen werden und wie man sie überschreitet oder unterläuft. Es geht um das Gesetz der Grenze und die Grenze des Gesetzes. Statt in einem gelehrt tuenden Vortrag fortzufahren, wähle ich eine Erzählung, eine Geschichte, die auch von einem Geschichtenerzähler handelt. Dabei greife ich zurück auf das Buch eines griechischen Autors aus der späten Antike, der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts. Von ihm gibt es ein in kunstvollem Griechisch geschriebenes Buch, das weltweit um ein Vielfaches bekannter ist als die Verse Homers. In jenem Buch dieses griechischen Autors wird erzählt von einem Land, das vielfach bedrängt, zerklüftet war durch Besatzungsmächte, durch religiöse Wirren, Spaltungen, auch einander gegnerisch misstrauende Stämme. In diesem Land, so die Erzählung, wirkte innerhalb der Mehrheitsreligion ein Dissident, verdächtigt der Subversion, sogar der Rebellion, und dieser Dissident wurde des Öfteren von Gelehrten, zumeist Rechtsgelehrten mit Fangfragen konfrontiert und in Debatten von kasuistischer Kleinteiligkeit verwickelt. In einer dieser Debatten, so die Erzählung des griechischen Autors, wird das Thema der Nächstenliebe aufgerufen. Einer der Gelehrten fragt den Dissidenten: Nun ja, aber wer ist eigentlich „der Nächste“?

Der Dissident erwidert nun aber nicht mit komplex aufgeschichteten Argumenten, sondern antwortet in Form einer Geschichte: Ein Mann reiste über eine Straße von einer Stadt zu einer anderen, er wurde überfallen von Räubern, die ihn halbtot schlugen, in den Straßengraben warfen und so gut wie seine ganze Habe mit sich nahmen. So blieb der Mann, fast sterbend, liegen. Da kam einer aus der Oberschicht, ein Priester der Mehrheitsreligion (genau jener Religion, der die Rechtsgelehrten angehörten) vorbei, schaute in den Graben herab und ging dann einfach weiter. Vielleicht, mag man denken, folgte er hier einem Reinheitsgebot, dem er unterstand. Danach kam ein Mann von etwas niedrigerem Rang vorbei, eher ein Diener oder Helfer des Priesters, und er tat genau das Gleiche wie der Priester – sah hin und ging einfach weiter. Schließlich kam ein dritter Mann die Straße entlang, ein Angehöriger einer abgespaltenen und für uns heute vielleicht nicht sehr angenehmen Religion. Dieser hatte kaum einen Grund, dem Mann im Graben zu helfen, aber er stieg dennoch herab in den Straßengraben, hob ihn hoch, versorgte die Wunden in einer Art Ersten Hilfe mit Salben, transportierte ihn dann zu einem Gasthaus, gab dem Wirt Geld für die Pflege, und er fügte hinzu: Ich werde wieder vorbeikommen, und wenn das Geld nicht gereicht hat, dann zahle ich den ausstehenden Rest… Soweit die Geschichte, die der Dissident in der Geschichte des griechischen Autors erzählt. Dann stellt er noch die Frage: Wer von den Dreien war dem Mann im Graben der Nächste? Und als einer der Gelehrten antwortete: der Dritte, da sagt der Dissident: dann geh hin und tu es ihm nach!

Spätestens jetzt wird man sich erinnern, von welchem Buch und von welcher die Geschichte die Rede ist. Der Ort der Handlung ist eine Straße von Jerusalem nach Jericho in den 30er Jahren des 1. Jahrhunderts und handelt vom „barmherzigen Samariter“. Der kunstvoll erzählende griechische Autor ist niemand anderes als der Verfasser des Lukas-Evangeliums. Die Samariter – besser: Samaritaner – waren nun aber nicht unbedingt alle von Hause aus unbedingt gut und barmherzig, wie es der heutige Sprachgebrauch nahelegt. Es war eine von der Mehrheitsreligion abgespaltene Religionsgemeinschaft, die man heute vielleicht als extrem textgläubig in Bezug auf die Thora und feindselig gegenüber jeder Weiterentwicklung durch deutende Interpretation einordnen würde. Sie lebten in Samaria, und genau dies ist die Provokation in dieser Erzählung: Ausgerechnet der, der nicht zu den Nächsten als den Angehörigen der eigenen Religion, des eigenen Stamms, der eigenen Nation und Familie gehört, wird hier zum Nächsten. Wir können diese Namen, Begriffe ohne Weiteres in die Gegenwart übertragen: für Samaritaner können wir Bosnier, Serben, Kroaten einsetzen, für Samaria den Donbass oder ein beliebiges Krisengebiet der Welt und dessen verfemten Teil.

Denn es gibt eine universelle Lehre aus dieser Geschichte: Hier geht es nicht um Moral, nicht um Ethik, sondern um das Nächstliegende. Gegen die Gesetze, die Moralen, die Ethiken von Gemeinschaften, gegen kollektive Identitäten, Nationen oder Ethnien, wird ein ganz anderes Gebot, ein grenzüberschreitendes formuliert. Der Samaritaner hat ja auch die Grenzen seiner eigenen Gemeinschaft überschritten – womöglich bekommt er dafür Ärger in Samaria?

 

Kultur-Grenzen

Man kann es noch weiter fassen und damit vielleicht provozieren: Diese Geschichte überschreitet auch Kulturgrenzen. Sie ist eigentlich trans-kulturell oder sub-kulturell. Seien wir ein wenig vorsichtig mit der Emphase, mit der „Kultur“ beschworen wird. Womöglich wird bald daraus ein Kampf der Kulturen heraufbeschworen. Was alles unter Kultur gefasst wird, lässt sich mindestens in zwei große Gruppen unterteilen. In der einen herrscht ein emphatischer Begriff von Kultur vor, nahe an der Kunst bzw. nahe dem gesellschaftlich bestimmten künstlerischen Feld. Bei de Maizière ist da so ein Nachklang von Herder, Goethe, Schiller. Wenn es anderswo einmal hieß: „Wo gesungen wird, da lass dich nieder / Böse Menschen kennen keine Lieder…“, sind die Verse historisch verbraucht. SS-Heydrich soll ein meisterhafter Bach-Interpret gewesen sein. Und als die Deutschen Weimar für sich als Tempel der Klassik abgeschlossen hatten, verjagte man das Bauhaus und wenige Jahre später wurde nicht weit von der Stadt entfernt das KZ Buchenwald errichtet.

Daneben gibt es einen pragmatischen, erweiterten Begriff von Kultur, der einmal so zusammengefasst wurde: „Kultur ist, wie der Mensch lebt…“ Wie der Mensch lebt – das ist nichts anderes als die Summe aller Selbstverständlichkeiten in einer Gesellschaft, einer Gemeinschaft. Worum es aber gehen muss, das ist: entgegen diesen Selbstverständlichkeiten, wenn und weil sie sich auch voneinander abgrenzen, womöglich abschließen, die Selbstverständlichkeit der Kultur-Überschreitung des Samaritaners durchzusetzen. Durchsetzen? Gewiss nicht gewalttätig, denn dieses Durchsetzen geht nur in der Begegnung, in der Herstellung lebendiger Beziehungen. Es geschieht nur face-to-face, von Angesicht zu Angesicht. Genau das ist es, was Eminas Werk, ihr Wirken, ihr Leben ausmacht: über Grenzen, quer durch Kulturen solche Begegnungen herstellen.

Etwas anders, vielleicht (zu?) anspruchsvoll formuliert: Es geht darum, sich dem Allgemeinwohl zu widmen, indem man das Besondere gegen das Allgemeine (als Verallgemeinerung) stark macht. Nicht das Besondere als das abstrakte Individuum, das sich feiert in einer menschlichen Wüste. Sondern als Allgemeinheit all dieser Besonderheiten. Niemals aber als geschlossene kollektive Identitäten, nicht als homogenisierende Kulturen, nicht als Kultur des immer schon Fertigen – besessen von der Angst vor dem Unfertigen. Ein ziemlich kluger, aber als kompliziert angesehener Philosoph meinte einmal: „Dialektik“ als Beweglichkeit, eigentlich Verflüssigung der Begriffe, entstünde dann, wenn sich das Besondere gegen seine Verallgemeinerung im Allgemeinen wehre. Die Begriffe fangen das Tanzen an, wenn sich das, was sie erfassen und verallgemeinern sollen, in seiner Eigenart geltend macht. „Begriffe“ – das steht hier auch für: Definitionen durch Definitionsmacht, steht für: Schubladen, für Titel, für Zuordnungen, kultureller Sippenhaft („Ihr Moslems!“)

Wer hat das mehr und leidhafter erlebt als Menschen wie Emina? Jugoslawien in den 1990er Jahren, Krieg und Bürgerkrieg, das ist eine Erfahrung, die geradezu paradigmatisch für Europa wurde, ohne dass es in dieser Dimension bis heute wirklich begriffen wird. Emina hat sich eingesetzt für die Flüchtlinge, sie setzt sich ein für ihre Sprache, die ja ganz Jugoslawien gehört, sie tut es noch immer. Die Tragödie Bosniens als sogenanntem multikulturellem Zentrum wirft ihre Schatten auf viele Regionen in der Ukraine heute, und in Syrien werden solche Zentren geradezu zermalmt. Wir haben allen Grund dazu, genauer hinzuschauen, mit Menschen wie Emina zusammenzusein, Menschen so zusammenzubringen, wie es sie kann: dann wird klar, dass es diese „Einheit“ der Kultur gar nicht gibt, nicht geben kann. Sie war historisch in Bosnien nicht so und sie war auch in der Ukraine nicht so. Sie war auch in Syrien nicht so. Ich habe öfters mit Menschen aus Syrien gesprochen, sie erzählen ihre Erinnerung genauso, wie man sie in Fotografien des alten Bosnien finden kann. Sie sagen dann: Wir wagen gar nicht mehr zu erzählen (man glaubt es uns nicht!), dass es bei uns im Ort drei Kirchen, eine Synagoge und zwei Moscheen gab. Und für alle war das gut so. Nicht anders hat es Emina in einem Interview beschworen, dass sie als Muslimin in Vielfalt groß wurde und Vielfalt gelebt hat.

Es gab ein friedliches und befriedendes Zusammenleben, nicht nur ein Nebeneinander. Wir haben allen Grund genau hinzuschauen auf so ein Leben, auf so ein Wirken gegen die brutale Macht der Homogenisierung, die am Ende fast immer zur immer bewaffneten Definitionsmacht wird.

Uns haben die Nationalismen, die chauvinistischen Kulturalismen längst erreicht. Zur selben Zeit, da in Frankreich so viel auf dem Spiel steht – für alles rund um uns herum – spielt ein deutscher Innenminister (erneut) mit dem Feuer, indem er Menschen wie Emina erst einmal beibringt, dass sie nur dann deutsch ist, wenn sie uns die Hand gibt. Dass es zur deutschen Leitkultur gehören soll, einander die Hand zu geben, hat Heiner Geißler zu Recht höhnisch veralbert: die jungen Leute würden eh nur noch mit den „Händen abklatschen“ und die Elite würde sich sowieso nur noch „Küsschen“ geben. Natürlich wird Herr de Maizière betonen, dass Emina eine großartig integrierte Deutsche ist.

Und genau damit wird er sie beleidigen. Denn Menschen wie Emina haben sich nicht einfach hier integriert, sondern sie hat viele von uns integriert. Bei de Maiziére ist es so, als wolle der Priester, der am Opfer vorbeigegangen ist, nachträglich seine Schmach gutmachen durch Würdigung des Samariters. Dabei hätte er hätte allen Grund nachzudenken: Da schreibt er darüber, die Kirchen würden den „Kitt“ in der Gesellschaft bilden. Unvorstellbar, was dazu der Dietrich Bonhoeffer sagen würde! De Maizière, ein bekennender Christ, hätte allen Grund nachzudenken über seine eigene Kirche, die der Reformierten, die eine genuine Flüchtlings-, eine Migrantenkirche war – verfolgt, verjagt in viele Länder. Diese reformierten Vorfahren haben beispielsweise in Hamburg bitter eine „Leitkultur“ erfahren müssen, weil man ihnen die Religionsausübung verbot; weshalb sie dazu ins dänische Altona flüchten mussten!

 

Poetik des Unfertigen

Mangels Akzeptanz anderer „Werte“ (es muss ja immer um Werte gehen) schaffen sich andere eine Ersatzreligion im Grundgesetz. Genau das ist das Grundgesetz aber nicht. Es formuliert Rechte der Menschen mit und gegen den Staat; es formuliert Ansprüche gegenüber dem Staat – eines Nebeneinanders von ganz unterschiedlichen und gegensätzlichen Moralen und Ethiken, die sich einander nicht in die Quere kommen sollen. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Als der Staatsrechtler und -philosoph Wolfgang Böckenförde (ein Sozialdemokrat und Katholik) sein berühmtes „Diktum“ formulierte, wonach der freiheitliche Rechtsstaat auf Voraussetzungen beruhe, die er selber nicht schaffen könne, widersetzte er sich der Verfassungs-Religion und wies damit gleichzeitig uns selber an, diese Voraussetzungen zu schaffen. Und zwar nicht als „Kitt“! Das, was wir zu verteidigen und zu entwickeln haben – ein solidarisches Zusammenleben aus Freiheit in Gemeinschaften – das ist dem formellen Recht vorgeordnet. Das dem Recht vorgeordnete beruht einzig auf Begegnung, auf dem Leben aus in und Beziehungen von Menschen zueinander, in gegenseitiger Anerkennung, wie diese Menschen eben erst einmal sind.

Natürlich, all das klingt nach „Mikrokosmos“. Aber wie soll es im Großen ohne diese Mikroprozesse gut zugehen? Wie soll eine Kultur, ein beschränkter Komplex von Selbstverständlichkeiten, in und zur Freiheit aufgebrochen werden, wenn nicht durch dieses einzelne, diese vielen einzelnen Laboratorien? In diesem Sinne ist Eminas Wirken ein Atelier und Laboratorium zugleich – ein wanderndes Atelier. Vielleicht ganz im Sinne jenes Satzes von Joseph Beuys, das Atelier wäre nicht im Haus des Künstlers, sondern: „Das Atelier ist zwischen den Menschen“ – genau das ist: Emina. Ohne sie wie auch die anderen Meisterinnen, Künstlerinnen, Organisatorinnen, Praktikerinnen, Poetinnen der Mikrokosmen würde das Ganze zusammenfallen. Mikrokosmos – Vorrang des Besonderen vor dem Allgemeinen, das findet sich wieder in dem wunderbaren Satz von Friedrich von Hardenberg, bekannt als Novalis: „Sogar der Raum einer Nussschale kann uns wichtig werden, wenn wir selbst Fülle des Daseins mitbringen.“

Was ist darin das Poetische? Es ist das Laboratorium schlechthin, und zwar umso mehr, je mehr Menschen darin – mit ihresgleichen, nah und fremd zugleich – beteiligt und beschäftigt sind. Das Poetische ist nicht beschränkt auf eine Kunstform, nicht einmal auf das gesellschaftlich so bestimmte kulturelle Feld. Das Poetische darin ist das Aufscheinen von den bislang nicht geahnten Möglichkeiten, den Hoffnungen, inmitten einer Versammlung von Unfertigem. Das Unfertige, das Fragment, öffnet sich durch Poren, lässt Lücken, durch die hindurch etwas erahnbar, vielleicht sogar für einen Moment sichtbar wird, worin die Fertigmacher, die Homogenen, die Vollkommenheits- und Reinheitsapostel aller Nationalismen, Rassismen oder Religionen am Ende sind. Es geht nicht um eine Philosophie. Es geht nicht um Lehren, nicht um eine ästhetische, nicht einmal um eine politische Theorie. Es geht um diese schlechthin Einfache, das so schwer zu machen ist: Schluss zu machen mit allen Bedingungen, unter denen Menschen nicht mehr in der Lage sind, einander so zu begegnen, in aller Freiheit, wenn auch in aller Not, wie es Emina seit Jahrzehnten schafft, um die Not zu wenden.

Dieses Einfache ist auch deshalb so schwer zu machen, weil jede Gegenreaktion, jede kollektiv reaktionäre Konfrontation unzählige Opfer hinterlässt und der nächsten Generation mehr als nur ein Kainszeichen auf der Stirn hinterlässt. Die Bürgerkriege allein in Europa – nach Nordirland zählen wir jetzt Jugoslawien und die Ukraine hinzu – hinterlassen eine Generation und wiederum Nachgeborene, die schlimmer als zuvor getrennt voneinander und gegeneinander leben, als es in Israel und Samaria jemals der Fall war. Genau deshalb ist Emina so aktiv in der Arbeit mit jungen Leuten, nicht aus und in Traum-, sondern Traumata-Ländern. Wunden kann man nicht heilen durch Vergessen. Auch die Zeit heilt keine Wunden, sie schafft Narben. Diese können aber blitzschnell wieder aufreißen und zu heftig blutenden Wunden werden, wenn man nur kräftig genug daran kratzt. Davon erleben wir seit einiger Zeit genug. Auch hier braucht es diese vielen Mikrokosmen, das Poetische eines immer Unfertigen, das sich durch einfaches Anerkennen – anerkennen, dass wir genau die sind, die wir sind – bewährt.

Wir werden die Mächte, die uns fortlaufend durch Spaltung unterdrücken oder durch Unterdrückung spalten, nicht los ohne dieses Tun der Eminas dieser Welt. Deshalb versuchen wir heute ein gutes Beispiel zu geben: Nicht Emina hat sich zu bedanken gegenüber Deutschland. Wir haben uns zu bedanken, dass wir durch Menschen wie sie vieles zum Guten verändern konnten hier im Land. Das steht auf der Kippe. Dagegen, dass es nicht kippt, kämpfen wir, politisch, poetisch, mit allen Eminas dieser Welt zusammen.

 

Martin Dieckmann

Rede beim Festakt des Verbandes der Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS Hamburg) zum 70. Geburtstag von Emina Čabaravdić-Kamber