Gewinnertext des Poetry Slam gegen das Vergessen

Wir freuen uns hier den Text von Kübra Böler zu veröffentlichen, mit dem sie am 9. November den Poetry Slam unter dem Motto "Gegen das Vergessen" gewann.

Sag mir, wie kam der Hass in die Welt?

Alles, was vergessen wird, wiederholt sich.

Alles, was wir vergessen, wiederholen wir.

Immer und immer wieder

finden wir uns in denselben, destruktiven

Strukturen wieder, die uns zu retten versprachen,

blind vor Eifer und Neid,

blind vor Arroganz und Gier,

vergessen wir unsere Menschlichkeit.

 

Alles, was vergessen wird, wiederholt sich.

Alles, was wir vergessen, wiederholen wir.

Immer und immer wieder

blind von den eigenen Lügen

blind vor Angst

blind vor Arroganz

versuchen wir zu schützen,

was nie uns gehörte,

fordern das ein,

was uns nie wollte,

sehen weg - Realitätsflucht.

 

Alles, was vergessen wird, wiederholt sich.

Alles, was wir vergessen, wiederholen wir.

Immer und immer wieder.

 

Brennende Häuser

Brennende Gotteshäuser

Einstürzende Brücken

Lachende Geistliche

Lachende Geblendete

Blutüberströmte Leichen

Weinende Kinder

Hilflose Witwen

Brennende Herzen

 

Fliehende Menschen

Fliehende Seelen, mit Träumen und Ängsten im Gepäck,

auf dem Weg ins Ungewisse

Nicht wissend, wie und was ihnen geschah

Nicht wissend, wie es dazu kam.

Waren sie schlechte Menschen?

 

Alles, was vergessen wird, wiederholt sich.

Alles, was wir vergessen, wiederholen wir. 

Immer und immer wieder.


Ich bin nicht hier, um uns allen eine Geschichtsstunde zu halten

Ich bin nicht hier, die Funktion von Suchmaschinen und sämtlichen

Uns zugänglichen Informationsquellen zu erfüllen.

Ich bin nicht hier, um mit dem erhobenen Zeigefinger herumzuwirbeln

Und so zu tun, als hätte ich die Weisheit mit Löffeln gefressen.


Alles, was vergessen wird, wiederholt sich.

Alles, was wir vergessen, wiederholen wir.

Immer und immer wieder.


Wir haben immer die Gelegenheit

Es besser zu machen

Doch wollen wir’s auch?

Oder reicht uns unsere große kleine Blase voller Privilegien,

der wir uns wahrscheinlich nicht einmal bewusst sind.

Ist die Realitätsflucht so bequem?

 

Alles, was vergessen wird, wiederholt sich.

Alles, was wir vergessen, wiederholen wir.

Immer und immer wieder.


Wir Menschen brauchen kein Mitleid

Und wir brauchen auch keine Pseudo-Solidarität.

Und Leugner brauchen wir schon gar nicht.

Wir brauchen Räume, in denen wir ehrlich

Miteinander sein können.

Ehrliche Verletzlichkeit zeigen dürfen.

 

Räume, in denen wir Leid teilen, Freude verdoppeln

Und jener gedenken,

die Opfer jener Arroganz und Gier geworden sind,

die wir alle so verächten.

damit wir nicht dieselben Fehler wiederholen.

 

Alles, was vergessen wird, wiederholt sich.

Alles, was wir vergessen, wiederholen wir.

Immer und immer wieder.

 

Kübra Böler, November 2017